„Zwischen Werten und Realität – ein Dialog über Krieg und Verantwortung“ Buchbesprechung

Das 106 Seiten kleine Buch von Rainer Lather mit dem Titel: „Über unten und oben – Ein Dialog im Krieg“, erschienen 2026 im Verlag BoD könnte aktueller nicht sein. Vor vier Jahren begann etwas, das Deutschland kaum für möglich gehalten hatte: ein Krieg im 21 Jahrhundert, mitten in Europa zwischen Ukraine und Russland.
Der Maler und Autor Rainer Lather engagierte sich bereits als junger Mann friedenspolitisch. In Marburg verweigerte er erfolgreich den Wehrdienst. Auch in seinem künstlerischem Schaffen – ob Bild oder Text schwingt – Menschlichkeit und Pazifismus mit.
Völlig beflügelt beende ich das kleine unscheinbare Buch über den Russland-Ukraine Krieg. Ich fühle ein Verstandenwerden der jungen Generationen von russisch- und ukrainischstämmigen Menschen. Und gleichzeitig die schleichende Werteverschiebung der jungen Menschen von damals, die in Deutschland der sechziger Jahre die Friedensbewegung entfachten.
Ein junger, ukrainischer Student im Exil und ein ehemaliger Wehrdienstverweigerer, der nun seine damalige Entscheidung revidiert, begegnen sich nur im Briefaustausch. Die Inhalte der einzelnen Briefe sind reichhaltig an geschichtlichen Einordnungen und Entwicklungen, autobiografischen Berichten, inneren emotionale Einblicken, wertephilosophischen Ansichten und persönlichen Verflechtungen. Diese Fülle an Inhalt und Dimensionen lassen sich durch die kurzen Briefabschnitte besonders gut aufnehmen.
Obwohl beide Männer gegen diesen Krieg sind und sich nichts sehnlicher wünschen, als dass wieder Frieden herrschen möge, wird hier besonders gut deutlich warum Friedensbewegung und Pazifismus viele verschiedene Lösungsansätze verfolgen kann, wenn es um individuelle Interessen und das Verständnis von Freiheit und Friedenserhalt geht. Was bedeuten deine Werte, wenn andere für sie sterben sollen? Oder geht es übergeordnet doch nur um Machterhalt der Machthabenden? Dies stellt das Hauptdilemma des Buches sehr gut dar und verdeutlicht dem Leser, wie vielschichtig dieses Thema ist.
Im Nachwort räumt der Autor ein, dass es nur menschlich sei, Wissenslücken und Fehlannahmen zu haben und er dabei keine Ausnahme darstellt. Weiterhin wird verdeutlicht, dass eine Aufteilung in Menschenfeind und Menschenfreund auf nationaler Ebene nicht der Realität entspricht. Dass die Machthabenden jedoch gerade die eigene Bevölkerung durch Vereinfachungen und Appelle an vermeintlich gemeinsame Werte dafür mobilisieren, die eigenen Ziele voranzutreiben – wie etwa, die jungen Leute sollen in den Krieg ziehen, um das geliebte Vaterland zu verteidigen. Rainer Lather weist darauf hin, dass zwar die Entscheidungen aus der übergeordneten Vogelperspektive getroffen werden, jedoch die damit verbundenen Auswirkungen aus der Ameisenperspektive durchlebt werden.
Er mahnt ein Volk als automatische Verlängerung der politischen Entscheidungsträger zu verstehen, da dies besonders den nationalistischen Bewegungen die Bahn frei macht, um eine Gesellschaft zu radikalisieren. Damit würde – nach alter Façon – das eigentliche Problem auf eine andere Menschengruppe projiziert, aber nie wirklich gelöst werden.
Welche Handlungsmöglichkeiten eröffnet der Autor? Er ermutigt die Leserschaft, die linearen Denkstrukturen zu verlassen und sich viel mehr einen Denkraum zu eröffnen. Ganz der Künstler fordert er uns auf, einem Problem kreativ und mit kindlicher Neugierde zu begegnen. Im weiteren Verlauf, spricht Lather von der Mobilisierung des kritischen Hinterfragens und bei Bedarf ein Etablieren von Unbequemlichkeit und Renitenz gegenüber der Autokratie und Kriegstreiberei. Die eigene Handlungsfähigkeit solle zudem in Friedfertigkeit, Hilfsbereitschaft und Freundschaft im täglichen Miteinander einfließen.
Die einfache und verständliche Wortwahl macht das Buch für eine breite Leserschaft zugänglich. Besonders empfehlenswert, ist das Buch für junge Menschen, die sich mit dem Thema Wehrdienst in Deutschland beschäftigen müssen oder wollen. Auch für Schüler*innen als aktuelle Lektüre der geopolitischen Entwicklungen ist es sehr hilfreich.
Swetlana Esau ist im Backoffice des BSV tätig. Das Buchthema ist eng mit ihrer Familiengeschichte verbunden: Die Vorfahren wanderten von Deutschland nach Russland (die heutige Ukraine) aus, es lockte u.a. die Befreiung vom Wehr- und Kriegsdienst. Später wurden sie bis zum Uralgebirge weiter gesiedelt, wodurch sich eine deutsch-ukrainisch-russische Familiengeschichte entwickelte. Ein Mix, bei der sich keine nationalen Grenzen ziehen lassen. Bei Interesse ist dies bei Wikipedia mit dem Stichwort „Kolonie Chortitza“ nachzulesen.
Rainer Lather (2026): Über unten und oben – Ein Dialog im Krieg, Hamburg: BoD – Books on Demand, S. 106, ISBN-13: 9783695142972, 12 EUR
Dieser Artikel ist zuerst in unserem Rundbrief 2/2026 erschienen.