Wie schützen wir uns gegenseitig, wenn die Zeiten rauer werden?




Mona Khogali, Arne Semsrott, Finja Hartwig, Julia Monro (v.o.n.u.) – Alle Fotos: Peter Steudtner
Die BSV-Jahrestagung „Schutzansätze in Zeiten autoritärer Bedrohung“ zeigte, dass die wichtige Säule der Schutzansätze in der Sozialen Verteidigung nicht lediglich abstrakte Theorie ist, sondern vielerorts bereits praktisch gelebt wird. Christine Schweitzer spannte den Bogen von alltäglicher Zivilcourage bis zu internationalen Schutzstrukturen – von Warnsystemen der Anti-ICE-Proteste in den USA bis zur unbewaffneten Schutzbegleitung der Nonviolent Peaceforce im Südsudan. Im Panel erläuterte Mona Khogali (Bana Group) die „Emergency Response Rooms“ im Sudan, die unter Kriegsbedingungen Versorgung und Evakuierung organisieren und 2025 mit dem Alternativen Nobelpreis (Right Livellihood Award) ausgezeichnet wurden. Eli McCarthy (DC Peace Teams) zeigte, wie „Unarmed Civilian Protection“ durch Deeskalationstraining und lokale Frühwarnsysteme Sicherheit durch Beziehungen statt Gewalt schafft. Peter Steudtner ergänzte den ganzheitlichen Blick: Physischer, sozialer und emotionaler Schutz sowie das „Wellbeing“ von Aktivist*innen sind essenziell für langfristige Handlungsfähigkeit. Die Diskussion beleuchtete die politische Dimension: Wie verteidigt man demokratische Räume, ohne autoritäre Muster zu reproduzieren?
Arne Semsrott verknüpfte diese Fragen am nächsten Morgen mit einer nahbaren Perspektive. Ausgehend von seinem vorherigen Buch „Machtübernahme“ und dem demnächst erscheinenden „Gegenmacht“ betonte er: Abwarten ist keine Option; Widerstand beginnt lange vor dem „Tag X“. Politisches Engagement dürfe nicht nur als Selbstaufopferung gedacht werden – Bewegung müsse Spaß machen, durch gutes Essen, Musik und Gemeinschaft. Schutz entstehe im Alltag durch belastbare Nachbarschaften.
Konkrete Strukturen zeigten weitere Beiträge. Finja Hartwig (Verwaltung für Demokratie e.V.) stellte das „Erste-Hilfe-Kit Demokratie“ vor, das Verwaltungsmitarbeitende im Umgang mit demokratiefeindlichen Angriffen stärkt. Ihr Appell: Vertrauensräume schaffen und nicht allein bleiben. Julia Monro (LSVD+) skizzierte Schutzstrategien gegen zunehmende queerfeindliche Gewalt, von Buddy-Systemen bis zu Anti-SLAPP-Konzepten gegen missbräuchliche Klagen.
Praxisnah wurde es am Samstagnachmittag: Im Nachbarschaftsworkshop wurde Solidarität im Wohnumfeld diskutiert, LOVE-Storm präsentierte die Idee einer „Netzfeuerwehr“ und digitale Selbstschutzgrundlagen. Im queeren Austauschraum wurden Sorgen und Schutzräume thematisiert, während Planspiele die Komplexität von Krisenentscheidungen erlebbar machten. Die Inhalte der Tagung wurden in den wunderbaren Visualisierungen einer geschätzen Kollegin festgehalten und zusammengefasst.
Das Rahmenprogramm integrierte Wellbeing-Angebote wie PMR-Übungen, Spaziergänge und eine Ausgleichs-Ecke, um Erholung und Verarbeitung zu ermöglichen. Ein besonderer Moment der Stille ergab sich durch eine Schweigeminute und die „Trauer-Ecke“, die der verstorbenen Outi Arajärvi, einer langjährigen Ko-Vorsitzenden des BSV, gewidmet war.
Aus einem Impuls entstand ein neuer Arbeitskreis zur digitalen Sozialen Verteidigung. Die zentrale Erkenntnis des Wochenendes: Schutz entsteht nicht erst im Ausnahmezustand, sondern überall dort, wo Menschen solidarische Beziehungen aufbauen, Verantwortung übernehmen und gemeinsam handlungsfähig werden.