Eine Gegenrede zur EKD-Denkschrift
Kirche in Unordnung – evangelische Friedensethik auf Abwegen –
eine Gegenrede gegen die von der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) vorgelegte Denkschrift „Welt in Unordnung – Gerechter Friede im Blick – Evangelische Friedensethik angesichts neuer Herausforderungen“1
Rüdiger Höcker, Superintendent im Ruhestand (Ev. Kirche von Westfalen)
(dies ist die lange Fassung eines Textes, der in gekürzter Form im BSV-Rundbrief 1/2026 veröffentlicht wurde)
Protestantismus und Teilhabe am politischen Geschehen
„Seht zu, dass es der fremden Stadt gut geht, in die ich euch verbannt habe! Betet für sie zum HERRN! Denn geht es ihr gut, wird es auch euch gut gehen. Und ihr werdet in Frieden leben.“ (G*ttesrede nach Jeremia 29,7)2
„Dann können sie darauf hören oder auch nicht. Selbst wenn sie widerspenstig bleiben, merken sie, dass ein Prophet mitten unter ihnen war.“ (G*ttesrede nach Hesekiel 2,5)
„Das habe ich euch gesagt, damit ihr bei mir Frieden findet. In der Welt habt ihr Angst. Aber fasst Mut, ich habe die Welt besiegt!“ (Jesus nach Johannes 16,33)
Christ*innen sind Teil der Gesellschaft. Ein Weg, diese Teilhabe inhaltlich zu füllen, ist der Versuch, im Hören auf G*ttes Wort Antworten auf aktuelle Herausforderungen zu finden. Die sich daraus ergebende prophetische Rede ist ein Angebot. Sie speist sich weder aus einer Haltung des Besserwissens noch aus Unterwürfigkeit. Sie sagt, was gesagt werden muss. Sie ist gebunden an G*ttes Wort und weiß doch gleichzeitig um die eigene Fehlerhaftigkeit, wenn es darum geht, dieses Wort in Raum und Zeit auszurichten. Sie nimmt im besten Sinne mit hinein in das eigene Ringen um das, was gut und richtig ist, wenn G*ttes Wort uns Menschen herausfordert.
Sie redet den Mächtigen nicht nach dem Mund. Diese können „darauf hören oder auch nicht“. Nach innen ist sie ein Beitrag, G*ttes Wort zu hören im Gewirr der Stimmen und Meinungen. Sie möchte nachdenklich stimmen, sie möchte befähigen, das Gute und Richtige zu erkennen und das Gewissen zu schärfen. Sie möchte, dass wir uns unserer Angst nicht ausliefern.
Die prophetische Rede und Jesu Haltung zu militärischer Stärke und ein Leben unter Fremdherrschaft
Immer wieder warnten Propheten die Könige Israels und Judas, Sicherheit durch militärische Aufrüstung und Bundesschlüsse zu gewinnen. Ihre Reden waren eine Mahnung, stattdessen in Gerechtigkeit und G*ttvertrauen zu investieren.
Zu den bitteren Erfahrungen der Menschheit gehört die Erkenntnis, dass das Vertrauen in militärische Stärke unbegründet ist und die Zerstörung von Leib und Leben, Infrastruktur und Freiheit nicht verhindern kann. Die Sicht prophetischer Rede auf militärische Stärke schafft Raum, neu über die Chancen von Gewaltverzicht nachzudenken. Gerade im Blick auf anstehende weltweite umfangreiche Investitionen in Aufrüstung ist kritisch zu fragen, wie überlebensfähig eine Gesellschaft ist, die sich auf diese Gewaltspiralen einlässt.
Jesu Gewaltverzicht war mehr als eine persönliche individuelle Gewissensentscheidung. Sie war auch eine bewusste Entscheidung angesichts der imperialen Machtbestrebungen Roms.
Die Weisung, angesichts der römischen Besatzungsmacht nicht zu den Waffen zu greifen, stellt bis heute das Vertrauen in militärische Macht und Kriegstüchtigkeit in Frage.
Protestantismus und Nationalismus
Weltweit gibt es selbstständige evangelische Kirchen. Entsprechend besteht die Evangelische Kirche in Deutschland aus selbstständigen Landeskirchen. Dennoch verstehen wir uns als Teil eines größeren Ganzen, eingebunden in eine weltweite ökumenische Geschwisterschaft. In dieser globalen ökumenischen Verbundenheit stehen wir in der gemeinsamen Verantwortung, auf die globalen Herausforderungen mit der befreienden Botschaft des Evangeliums zu reagieren. Eine Denkschrift, die diese Perspektive zugunsten einer nationalen aufgibt, ist ein deutlicher Rückschritt in vergangene Jahrhunderte und theologisch inakzeptabel.
Die Gleichwertigkeit eines jeden Menschen, seine Würde, am 10.12.1948 in 30 Artikeln der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von der Generalversammlung der Vereinten Nationen als Reaktion auf zwei fürchterliche Weltkriege formuliert, wäre der angemessene säkulare Rahmen für eine aktuelle evangelische Friedensethik gewesen. Stattdessen liest sich die von der EKD verabschiedete Denkschrift wie ein Rückfall in vorökumenische Denkstrukturen einer Nationalkirche, dem „eigenen Volk“ und seinem Wohlergehen verpflichtet. Peinlich! Irritierend!
Gegenüber dem Gedanken, deutsche Staatsbürger*innen mit militärischen Mitteln zu schützen im Sinne einer allem vorgeordneten Aufgabenstellung des „Schutzes vor Gewalt“, muss christliche Ethik der Gleichwertigkeit eines jeden Menschen Vorrang einräumen. Ohne den Verfasser*innen dies unterstellen zu wollen, stärkt die vorliegende Denkschrift rassistische und neokoloniale Denkmuster.
Das Leiden der anderen gerät aus dem Blick. Wir tauchen ein in eine Welt, in der der Stärkere dem Schwächeren den Atem nimmt. Der vermeintliche Schutz vor Gewalt wird zu einem Privileg derjenigen, die die Mittel für eine entsprechende Hochrüstung aufbringen können. Dies lässt sich theologisch nicht legitimieren.
Es wäre wünschenswert gewesen, vor der Verabschiedung und Veröffentlichung einer aktuellen friedensethischen Denkschrift aus deutscher Perspektive den Austausch mit den ökumenischen Geschwistern weltweit zu suchen. Ihre Expertise hätte den Blick geweitet und die Gleichwertigkeit aller Menschen als Lackmustest jeglicher friedensethischer Erwägungen eingebracht.
Protestantismus, die soziale Frage und der Klimawandel
„Gerechtigkeit macht ein Volk groß. Unrecht aber ist für Völker eine Schande.“ (Sprüche 14,34)
„Was ihr für einen meiner geringsten Brüder oder für eine meiner geringsten Schwestern getan habt, das habt ihr für mich getan.“ (Jesus nach Matthäus 25,40)
Der Protestantismus hat lange gebraucht, bis er die soziale Frage als ureigenstes Thema erkannte. Der „Konziliare Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung“, 1983 auf Antrag der DDR-Delegierten vom Ökumenischen Rat der Kirchen angestoßen, hat die soziale Frage nachhaltig verknüpft mit der Sehnsucht nach Frieden und dem Umweltschutz.
Umso nachdenklicher stimmt, wie weltweit angesichts militärischer Aufrüstung Fragen der Gerechtigkeit und die Herausforderungen des Klimawandels vernachlässigt bis verneint werden. Die enormen Kosten begrenzen schon jetzt den Einsatz für einen gerechten Frieden. Sie gehen zunehmend zu Lasten der Sicherstellung sozialer Leistungen – Gesundheit, Wohnung, Energie, Teilhabe am gesellschaftlichen Reichtum. Dies stärkt aktuell nationalistische, rassistische Grundhaltungen und schwächt das Vertrauen in eine Demokratie, die getragen von den Menschenrechten und den Grundwerten unseres Grundgesetzes ein auskömmliches Leben in Frieden und Freiheit zu gestalten sucht.
Es wäre wünschenswert gewesen, dass eine friedensethische Denkschrift besonders auch die sozialen Kosten und die umweltpolitischen Auswirkungen von Aufrüstung und Militarisierung in den Focus genommen hätte. Wo die Denkschrift den „Schutz vor Gewalt“ in den Mittelpunkt rückt, wäre genau dies zu erwarten gewesen: Den Schutz vor Armut und Ausgrenzung, den Schutz der Natur vor Missachtung ihrer Rechte, den Schutz vor zunehmender Hetze gegen Migrant*innen und queere Menschen als friedensethische Aufgabe zu beschreiben.
Protestantismus und der Schutz vor Gewalt als Auftrag des Staates
Die Denkschrift nennt den Schutz vor Gewalt als primäre Aufgabe staatlichen Handelns. Aber allein der Gedanke, über Aufrüstung und Modernisierung bis hin zur atomaren Bewaffnung dem „Schutz vor Gewalt“ näher zu kommen, wirft erhebliche Fragen auf.
Kriege folgen ihrer eigenen Logik. Die Erfahrungen durch die Jahrhunderte zeigen, dass fast immer militärische Gewalt unkontrollierbar war, sobald man sich ihrer bediente. Diese Logik entfaltet ihre Wirksamkeit schon im Vorfeld. Aus der Verteidigungsbereitschaft wird Kriegstüchtigkeit. Aus Kriegstüchtigkeit wird die Forderung nach einer Aufrüstung, die der des vermeintlichen Gegners zumindest ebenbürtig, besser noch überlegen ist. Und was anfänglich als „Androhung … von Gewalt“ (13) als ethisch legitimiert erscheint, wird „mitunter unvermeidbar“ (183) und als „ethisch geboten“ (155, 159) oder sogar als „Konkretion der Nächstenliebe“ (163) geadelt. Wohin das führt, zeigen die Ausführungen über eine atomare Bewaffnung. Sie sei zwar „ethisch in keiner Weise zu legitimieren“ (144), aber „politisch notwendig“ (145) und in Extremfällen sei auch der Einsatz von Atomwaffen zwar „nicht erlaubt, sondern nur nicht ausnahmslos verboten“ (144).
Wer sich auf diese Logik einlässt, spielt mit dem Feuer. Dass eine Synode der EKD sich darauf eingelassen hat, nährt den Verdacht, dass es dieser Denkschrift nicht um ein prophetisches Wort in herausfordernden Zeiten ging, sondern um das alte Bündnis von „Thron und Altar“. So ist Dr. Markus Weingardt zuzustimmen: „Wenn Kirche in diesen Zeiten, in einer ‚Welt in Unordnung‘ nicht anderes, nicht mehr zu sagen hat als diese FD (Friedensethische Denkschrift; RH), dann hat sie nichts mehr zu sagen. Sie macht sich überflüssig.“3
Die alles billigende Gnade in einer nicht erlösten Welt
Verstörend auch, wie schnell aus einer zutiefst tröstlichen Gnade G*ttes eine billigende Gnade wird. Gnade als Freibrief, als Ausweg aus vermeintlichen Dilemmata angesichts einer „unerlösten Welt“, in der die Drohung mit militärischer Gewalt alternativlos militärische Gegengewalt erfordert.
Es liest sich wie eine Generalvollmacht: „Der christliche Glaube betont, dass es für den Menschen keine Möglichkeit gibt, dem Verhängnis von Schuldverstrickung und Schuldigwerden durch eigenes Handeln zu entkommen. Er bleibt somit angewiesen auf Gottes befreiende Zuwendung der Vergebung.“ (48) Es ist wie es ist. Wie man es macht, ist es verkehrt.
Damit wird dem Ringen um Alternativen, um einen Weg durch eine nicht erlöste Welt, auf dem die Idee und Praxis der Gewaltlosigkeit als angemessenere Antwort reflektiert wird, der Boden entzogen. Jesu mehrfach geäußerte Mahnung, auf Gewalt vollständig zu verzichten, wird über Bord geworfen, als sei dies „zwar eine schöne Idee, aber in einer ,unerlösten Welt‘ ethisch nicht haltbar und (sicherheits-)politisch unbrauchbar, nachgerade unverantwortlich.“4 (Dr. Markus Weingardt)
Es ist unbegreiflich, mit welcher Leichtigkeit die Haltung Jesu beiseitegeschoben wird zugunsten einer Gnadenlehre, die letztlich jede ethische Frage in die Welt der Beliebigkeit verschiebt.
Die Friedensfähigkeit stärken – innerkirchliche und zivilgesellschaftliche Resilienz stärken
So verwundert es nicht, dass die Denkschrift durchgehend davon ausgeht, dass gewaltfreie Ansätze, auf militärische Drohkulissen zu reagieren, keine wirklichen Alternativen seien. Nirgendwo wird erkennbar, dass die Denkschrift zivile Praktiken wie Konfliktbearbeitung, Diplomatie, gewaltfreier Widerstand ernsthaft in Erwägung zieht.
Die Denkschrift weiß, dass für eine Förderung von Wegen der zivilen Konfliktbearbeitung und der sozialen Verteidigung erhebliche Ressourcen nötig sind; sie verzichtet aber darauf, diese in Beziehung zu den Ausgaben für die aktuelle Aufrüstungsdynamik zu setzen und mehr Gelder für den Ausbau der zivilen Konfliktbearbeitung zu fordern. Angesichts der unkalkulierbaren Folgen kriegerischer Auseinandersetzungen, angesichts der enormen Kosten eines permanenten Wettrüstens mit immer effektiveren Waffensystemen, angesichts der Folgen für die Sozialsysteme, das Klima, für eine offene Gesellschaft, die die Würde eines jeden Menschen achtet, ist nicht nur aus ethischer Perspektive, sondern auch rein rational der gewaltfreie Widerstand alternativlos.
Es wäre ein wirklich nachhaltiger Impuls gewesen, gemeinsam mit zivilgesellschaftlichen Akteuren als protestantische Kirchen mit ihren Synoden, Kirchengemeinden, mit ihrer Diakonie und ihren vielfältigen Diensten in der Gesellschaft Regierungen weltweit zu ermutigen, in eine gewaltfrei agierende resiliente Zivilgesellschaft zu investieren.
Es hätte der Denkschrift gutgetan, das Vertrauen in die Friedenskraft einer Gesellschaft zu stärken im Namen G*ttes, im Namen des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe, und das Gespräch zu suchen mit den Religionen der Welt, um gemeinsam, nachhaltig und kreativ entsprechende Schritte zu vereinbaren und einzuüben.
Die Behauptung, dass die Wirksamkeit gewaltfreien Widerstands als Reaktion auf militärische Gewalt „empirisch kaum zu belegen“ (17) sei, widerspricht dem aktuellen Erkenntnisstand. Dass entsprechende Forschungsergebnisse keine inhaltliche Würdigung erfahren haben, wirft grundsätzliche Fragen auf. War es nicht gewollt? Passte es nicht in ein vorgegebenes Konzept?
Es ist nicht nur bedauerlich, es ist ernüchternd, dass nirgends erkennbar ist, dass entsprechende Expertise im Blick auf Vielfalt und Chancen ziviler Konzepte gewaltfreien Widerstands gegen Aggressoren ernsthaft in Erwägung gezogen wurden.
So ist sie kraftloses Zeugnis eines Protestantismus, der sich der Resignation hingegeben hat, dem der Glaube an G*ttes Schalom und an die Wirkmächtigkeit von Gewaltlosigkeit abhandengekommen ist.
1 https://www.ekd.de/friedensdenkschrift-2025-91393.htm
2 Biblische Zitate in der Übertragung der Basisbibel (https://www.die-bibel.de/basisbibel)
3 Umdenkschrift zum Evangelischen Diskurs über Krieg und Frieden – Kritische Wortmeldungen aus der EKD-Kontroverse, S. 277 (https://solidarischekirche.de/wp-content/uploads/2026/01/SOKI-Umdenkschrift-2026.pdf)
4 ebd. S. 273