
Desinformation, Städteverteidigung und mehr: Wege der Verteidigung ohne Waffen (Bericht IFGK-Studientag)
Am 7. März 2026 fand der Studientag des Instituts für Friedensarbeit und gewaltfreie Konfliktaustragung, IFGK, online mit 4 Vorträgen statt. 51 Personen hatten sich angemeldet.
Prof. Dr. Brian Martin (School of Humanities and Social Inquiry, Faculty of Arts, Social Sciences and Humanities, an der University of Wollongong, Australia, betonte in seinem Votrag “Verteidigung gegen Desinformation”, dass jede Form des Widerstands Kommunikation mit verschiedenen Zielgruppen ist. Anhand der Fallbeispiele der russischen Invasion in der Teschechoslowakai 1968 und des amerikanischen Irak-Angriffs 2003 illustrierte Brian Martin mit welchen Kommunikations-Methoden Aggressoren Propaganda betreiben und Widerstand diskreditieren, einschüchtern und bedrohen, aber auch welche Kommunikations-Methoden in der gewaltfreien Verteidigung einer Gesellschaft und ihrer Lebensweise wirksam werden können.
In der folgenden Diskussion wurde gefragt, inwieweit heute die Methode der Verbrüderung mit Personen aus der Gruppe der Aggressoren und der möglich ist, weil Krieg nun weitestgehend ohne Militärpersonal (Bomben, Drohnen) und mit Einsatz von digitaler Desinformation und Manipulation geführt wird; eine andere Frage war, ob dieser Ansatz nicht das Risiko birgt, dass die sie nutzenden Aktiven im eigenen Lager als VerräterInnen abgestempelt werden. In Reaktion auf diese Fragen wies Brian Martin darauf hin, dass Offenheit und Einheit der Aktiven im Gewaltfreien Widerstand, unterstützt durch breite offentliche Akzeptanz, wichtige Voraussetzungen für dessen Wirksamkeit sind, die eigene Bevölkerung zu schützen und die Motivation von Personen auf der Seite des Aggressors zu untergraben. Persönliche Seite von Brian Martin: https://www.bmartin.cc/
Der Vortrag von Wilhelm Nolte „Städteverteidigung: Potenziale und Grenzen gewaltfreien Widerstands“ beleuchtete das Potenzial Sozialer Verteidigung als gewaltfreie Alternative zur militärischen Landesverteidigung. Er ging der Frage nach, ob die autonome zivile Verteidigung von Städten einer militärischen Besatzung wirksam widerstehen und Tod und Zerstörung durch Krieg, Aggression oder Invasion verhindern oder verringern kann. Mit Rückgriff auf historische Beispiele und auf die Wirksamkeit der ukrainischen Koordination von militärischem und zivilem Widerstand gegen die russische Invasion in 2022 wies Wilhelme Nolte darauf hin, dass die Brutalität von Besatzungsmächten mit wachsendem Widerstand grausamer wurde. Deshalb benötigten Gemeinschaften, die gewaltfreie Verteidigung praktizieren, eine gefestigte moralische Grundlage und Selbstvertraün Sicherheit und Leidensbereitschaft, aber auch gute Vorbereitung, ausreichendes Training und stringente Institutionalisierung. Dann sei eine autonome gewaltfreie Verteidigung von Städten, die -als nicht-militärisch verteidigter Raum- den Schutz der Bevölkerung durch das internationale Kriegsvölkerrecht geniessen, möglich. Um einen wirksamen Widerstand gegen eine militärische Bedrohung oder Besetzung leisten zu können und ausreichendes Training und genügende Strukturierung zu erreichen, empfiehlt er eine dreigliedrige Allgemeine Wehrpflicht (1.Militär, 2. zivile Widerstandskräfte, 3. Schutzkräfte) zu leisten. Wilhelm Nolte betonte, dass die Soziale Verteidigung, wenn sie militärische Verteidigung ersetzen soll, politisch integriert werden müsse. Das Konzept könnte mehr Unterstützung und ein besseres Ansehen gewinnen, wenn öffentlich veranschaulicht werden könnte, wie die autonome gewaltfreie Verteidigung von Städten funktionieren kann. In der Diskussion wurde in Frage gestellt, ob Aggressoren heute internationales Kriegsvölkerrecht beachten. Zweifel wurden auch an der politischen Umsetzbarkeit einer Allgemeinen Wehrpflicht angemeldet. Die Vorstellung, dass städtische Gebiete sich autonom gewaltfrei verteidigen könnten, wurde als schwierig vereinbar mit der Forderung empfunden, dass gewaltfreie Verteidigung eine breite gesellschaftliche Zustimmung benötigt.
Kevin Kaisig beschrieb in seinem Vortrag “Gewaltfreie Verteidigung von Land und Natur – am Beispiel der Kadar in Indien” Erkenntnisse aus der Feldforschung in Indien zu zivilen Friedensarmeen im Kontext der gewaltfreien Transformation von Landkonflikten. Er berichtete, wie es einer Dorfgemeinschaft vom Volk der Kadar in Tamil Nadu gelungen ist, ihr Land, ihre Gemeinschaft und ihren naturverbundenen Lebensstil gewaltfrei zu verteidigen – gegen mächtige Interessen, staatliche Bürokratien und Polizeigewalt. Drei Jahre lang, von 2019 bis 2021, hat die Transformation dieses spezifischen Landkonflikts gedaürt. Getragen wurde sie von der unerschütterlichen Kraft und Beharrlichkeit der 23 involvierten Kadar-Familien und einem zivilen Friedensarbeiter, S. Thanaraj, und seinem Unterstützungsnetzwerk, die Verständigung und Selbstermächtigung vermitteln konnten. Hier wird deutlich, wie einst Gandhi – und mit wem – den gewaltfreien Kampf um die Unabhängigkeit Indiens auf die Beine stellen konnte.
Anna Mariia Filippova stellte in ihrem vortrag “Erfahrungen aus dem Kirchenasyl russischer Kriegsdiensterweigerer in Deutschland” church-asylum-study_report vor, wie russische Männer, die den Kriegsdienst im Krieg gegen die Ukraine aus Gewissensgründen verweigerten, in Deutschland in Kirchen Zuflucht suchten. Für viele dieser Männer wurde das Kirchenasyl in Deutschland angesichts restriktiver Asylgesetze zum letzten Ausweg, um ihre Sicherheit und Würde zu schützen. Die Studie basiert auf vier Interviews: zwei mit Asylsuchenden, die im Kirchenasyl verweilten, eines mit einem aufnehmenden Pfarrer und eines mit einer Person aus einer Nichtregierungsorganisation. Anna Filippova charakterisierte das Kirchenasyl in Deutschland als eine soziale Praxis, die notwendig ist, um Lücken im deutschen Asylsystem zu schließen. In der Diskussion wurde betont, dass es für ein wirkungsvolles Kirchenasyl notwendig sei, eine breite Öffentlichkeit zu sensibilisieren und Freiwillige zu mobilisieren, um Kirchen dabei zu unterstützen, Wehrdienstverweigerer aufzunehmen und sie sowie die beteiligten Personen und Strukturen gegen potentielle Angriffe zu schützen.
Ein ausführlicher Bericht wird in Kürze auf der IFGK-Website zu finden sein.